(mit Auszügen aus der, anlässlich des 75 jährigen Vereinsjubiläum 1995 erstellten, Chronik von Hermann Gökeler)
Unser Verein ist nach dem traditionellen Eisenbahnersymbol, dem geflügelten Rad, benannt. Dies weist darauf hin, dass unsere Vereinsgründer Eisenbahner-Kollegen waren, die ihr Beruf in Stuttgart zusammengeführt hat. Daraus resultiert die besondere Verbindung unseres Vereins zur Eisenbahn und zum Stadtteil Prag.
Mit der Prag war unser Verein von Anfang an eng verbunden - es war sozusagen unsere Heimat wie bei einem ländlichen Verein das Dorf - und über Jahrzehnte wohnten hier die meisten unserer Mitglieder. Obwohl der Flurname PRAG schon seit Jahrhunderten bekannt ist, wurde er nie zur offiziellen Bezeichnung für das Stadtgebiet. Da 1844 mit dem Bau der "Centralbahn Esslingen - Stuttgart - Ludwigsburg" begonnen wurde und 1895 ein Wagenladungsbahnhof zwischen heutiger Heilbronner Str. und Nordbahnhofstraße entstand, benötigte man für die Vielzahl von Beschäftigten geeignete Wohnungen. So entstanden um 1869 das Postdörfle und etwa 25 Jahre später das Eisenbahnerdörfle.
Zitat von Eduard von Pfeiffer, Ehrenbürger von Stuttgart und Unterstützer des Wohnungsbaus, anno 1906: "Im Norden der Stadt, auf der Prag, an der Ludwigsburger Straße (heute Nordbahnhofstraße), wurde ein Bauareal von 948a eingekauft; im Jahre 1894 wurde mit dessen Überbauung begonnen und seit dieser Zeit nach einem bestimmten Plane fortgesetzt. Die ganze Anlage wird in 11 Häuserblocks abgeteilt und bietet Raum für 120 Häuser mit über 800 Wohnungen. Bis heute ist etwa die Hälfte der Anlage vollendet. In 55 Häusern haben 402 Familien ein allen Anforderungen entsprechendes Unterkommen gefunden. Außerdem ist in der Kolonie eine Badeanstalt und eine Kleinkinderpflege erstellt. Die Badeanstalt enthält Einzelkabinette, ein kleines Schwimmbassin mit Auskleidezellen und Brausekabinette."
Ist es nicht ein bemerkenswerter Zufall, dass wir "im Bad", der erwähnten zentralen Badeanstalt mit den Einzelkabinetten, heute unseren Materialraum haben?
In diese über etwa 15 Jahre langsam entstehende Kolonie, sie wurde amtlich so bezeichnet, und in den unteren Block der Rosensteinstraße zogen nacheinander die Eisenbahnerfamilien ein. Sie kamen größtenteils aus ländlichen Gebieten. So war es nicht verwunderlich, dass unser Verein in dieser außerhalb der Stadt isoliert liegenden Siedlung rasch Zulauf fand. Unsere Gründungsmusiker brachten, was den Leuten fehlte: Heimatgefühl, Gemütlichkeit, sich kennen lernen. Die Vereinsgründung fiel in eine innenpolitisch äußerst unruhige Zeit. Unser Volk war nach einem furchtbaren Krieg, der alles damals an Kriegsgrauen vorstellbare übertraf, wirtschaftlich am Boden und politisch zerrissen. Lag es nicht nahe, in einer schweren Zeit den Neuanfang mit volkstümlicher Musik zu erleichtern und eine Kapelle zu gründen?
Der Verein hat sich trotz widriger politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse weiter entwickelt. Das Vereinsleben war nach den überlieferten Erzählungen und Aufzeichnungen rege und es gab immer wieder etwas zu feiern: 1925 das fünfjährige Bestehen, 1926 die Fahnenweihe, der von den Damen der Mitglieder gestifteten Fahne, die den Trompeter von Säckingen zeigt. Sie wurde 1979 restauriert und ist mit ihren prachtvollen Stickereien zu einem unersetzlichen Stück Vereins- und Lokalgeschichte geworden. Ein Höhepunkt im Vereinsgeschehen war 1927 eine Reise nach Graz zum Eisenbahner-Musikverein. Zwei Jahre darauf hat uns die Kapelle aus Graz einen Gegenbesuch abgestattet. Das besondere Ereignis von 1928 war, dass die Kapelle des Musikvereins Flügelrad als erstes Blasorchester über Radio Stuttgart (heute SWR) gespielt hat. Das erhaltene Kassenbuch des Vereins spiegelt ein normales Geschehen über etwa zehn Jahre wider, obwohl in dieser Zeit erneut tiefgreifende Entwicklungen beginnen. So treten 1933 die ersten Gleichschaltungsgesetzte in Kraft, die viele Vereine "gleichschalteten", d.h. in NSDAP-Organisationen überführten. Offensichtlich war dies bei uns nicht der Fall. Vielleicht war die Nähe zur Eisenbahn und damit zum Staat hilfreich? Bis 1939 wird in den Unterlagen noch von vielen Aktivitäten des Vereins berichtet, was sich aber in den darauffolgenden Jahren drastisch änderte. Viele Musiker wurden zum Militärdienst, bzw. zum Kriegsdienst bei der Eisenbahn eingezogen und 1940 gab es keine Proben mehr im Musikverein, 1944 verbrennt die Vereinskasse samt Inhalt beim Fliegerangriff vom 19. auf den 20. Oktober.
1947 ging es auf Initiative von Franz Götz, dem späteren Ehrenvorstand, wieder weiter. Er hatte in den letzten Kriegsjahren zusammen mit Fritz Jenner, dem Wirt des Prager Hof, die Voraussetzung für den Wiederanfang geschaffen. Beide haben klammheimlich und sicher nicht ohne Risiko die Vereinsfahne und die wertvollen Instrumente in Wernau so gut versteckt, dass sie auch den Besatzungstruppen bei Kriegsende nicht als Souvenir in die Hände fielen. So melden die Annalen am 16.2.1948 als einen der letzten Posten der Reichsmarkzeit "Auslagen für Transport der Instrumente von Wernau RM 15,-." In diesen Jahren wiederholt sich die Gründungsphase nach dem ersten Weltkrieg: Obwohl jedermann mit sich selbst zu tun hatte, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen, nahmen sich viele Menschen auch Zeit für den Wiederanfang in den Vereinen. Anfang der Fünfzigerjahre wurde die erste Jugendkapelle gegründet. Die aus dieser Jugendkapelle herausgewachsenen Musiker bildeten bis in die Siebzigerjahre hinein die Basis für die Stammkapelle und wird noch heute von einem der damaligen Jungmusiker dirigiert: Achim Böhle.
Herausragende Auftritte der Kapelle in diesen Jahren war z.B. die Umrahmung vieler Berufs-Boxveranstaltungen auf dem Stuttgarter Killesberg mit lokalen und nationalen Matadoren, aber auch internationalen Champions. Außerdem wurde viele Jahre lang am 24. Dezember ein Weihnachtskonzert von der Plattform des Gebäudes der "Stuttgarter Nachrichten" am Schlossplatz bestritten.
Der Wechsel der ausgebildeten Jungmusiker der Fünfzigerjahre aus der Jugendkapelle in die Stammkapelle leitete eine allmähliche Änderung in unserer Beziehung zur Eisenbahn ein. Der Nachwuchs kam zwar aus Eisenbahner-Familien, aber nur Einzelne waren nun selbst wieder bei der Bahn beschäftigt. Der Abstand wurde zwar unmerklich größer, aber an der traditionellen Verbindung zur Eisenbahn hat dies wenig geändert. Wir waren sowohl bei den aktiven, als auch bei den fördernden Mitgliedern in einem Generationswechsel. In den sechziger und siebziger Jahren zogen viele Mitglieder von der Prag weg. Damit gab es die bisher selbstverständliche Verbindung von Wohnen und Arbeiten nicht mehr. Der Musikverein Flügelrad wurde aber für manchen zum oft einzigen Bindeglied zur angestammten "Heimat".
1962 wirkte der Verein mit, bei der Wiedereröffnung des Westbahnhofes, der im Jahr 1994 endgültig abgebrochen wurde. Zwischen 1965 und 1970 wurden die Jahresfeiern des Vereins im großen Saal der Brauereigaststätte "Wulle" abgehalten, wo die Vereinsfamilie sich immer sehr wohl fühlte. Im Jahr 1967 reiste die Kapelle nach Delémont in der französischen Schweiz, wo die dortige Eisenbahner- Kapelle ihr 25-jähriges Jubiläum feierte. Die Musiker des MV Flügelrad wurden bei diesem Besuch sehr herzlich von den Gastgebern aufgenommen und es wurden schnell Kontakte geschlossen, was dazu führte, dass die Freunde aus Delémont das 50jährige Jubiläum des Musikverein Flügelrad mit ihrem Gegenbesuch bereicherten. In den folgenden Jahren bildete die Jugendarbeit ein Schwerpunkt im Verein. Wieder war es möglich, eine Reihe Jugendlicher auszubilden, die noch heute das Rückgrat der Kapelle darstellen. Auch Kinder ausländischer Mitbürger, die inzwischen einen sehr hohen Anteil an der Bevölkerung auf der Prag hatten, wurden ausgebildet. Bei vielen Anlässen und Veranstaltungen, z.B. im Rahmen des Haus 49, haben wir zur Integration der verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf der Prag beigetragen. Auch die "Lebenshilfe" in der Löwentorstraße soll in diesem Rahmen weiterhin eingebunden bleiben.
Die seit 1976 veranstaltete Prägemer Hocketse hat schon Tradition. Auch damit fördern wir das Zusammenwachsen der Alt- und Neu-Prägemer. Im Jahr 2001 fand die Hocketse zum ersten Mal auf dem Gelände der "Lebenshilfe" statt, im ehemaligen IGA Gelände gelegen. Von besonderer lokalhistorischer Bedeutung war die Eröffnung der ersten S-Bahnstrecke 1978 in Stuttgart. Mit unserer musikalischen Umrahmung waren wir für die Öffentlichkeit wieder einmal die Eisenbahner-Kapelle.
Beim nächsten, sehr illustren Einsatz auf dem Hauptbahnhof im Jahr darauf empfingen wir für die Landesregierung den im Sonderzug angereisten König von Tonga musikalisch. Es war wie ein Aufzug einer modernen Operette. Auch in den folgenden Jahren traten wir oft in der Öffentlichkeit auf, beispielsweise bei der Eröffnung weiterer Teilstrecken der S-Bahn, bei den Musiktagen des Bundesbahn Sozialwerks in Fulda 1982 und in Heilbronn 1984.
Höhepunkte waren Konzerte beim Jubiläum "150 Jahre Eisenbahn in Deutschland" 1985 in Nürnberg und 1987 "60 Jahre Stuttgarter Hauptbahnhof". Auch bei der Eröffnung der Hochgeschwindigkeitstrasse Stuttgart - Mannheim waren wir musikalisch dabei, sogar live im damaligen SDR. 1991 haben wir einen ersten Abstecher zur Stadtbahn gemacht. Als der Tunnel von der Prag hinauf zum Killesberg fertig war, hatten wir ein Heimspiel. Bei der IGA 1993 wurden mehrere Konzerte von der Kapelle gespielt, von denen eines vom Rundfunk übertragen wurde. Das Jahr 1995 stand ganz im Zeichen des 75jährigen Jubiläums, aus dessen Anlass der größte Teil dieser Chronik von Hermann Gökeler, langjähriges aktives und förderndes Mitglied des Vereins, erstellt wurde. Das Jubiläum wurde in festlichem Rahmen im Hegelsaal der Kultur- und Kongresshalle gefeiert. Die Kapelle hatte unter ihrem Dirigenten Achim Böhle ein reich gefächertes, anspruchvolles Programm einstudiert, unter anderem Operettenmelodien mit Unterstützung der Chorvereinigung Stuttgart-Untertürkheim unter der Leitung von Kai Müller und die Filmmusik aus "Der mit dem Wolf tanzt", begleitet von einer Diashow aus Bildern des gleichnamigen Filmes. Den Abschluss bildete ein eindrucksvolles "Freude schöner Götterfunken", bei dem alle Mitwirkenden, d.h. Stamm- und Jugendkapelle, sowie die Chorvereinigung, einen festlichen Schlusspunkt unter das gelungene Konzert machten. Im selben Jahr unternahm die Kapelle eine Auslandsreise nach Neuchâtel in der französischen Schweiz und nahm dort am "Fête fédéral des musiques ouvrières et des enterprises de transport" (Schweizerische Verkehrspersonal und Arbeiter-Musiktage) teil. Es handelte sich um ein abwechslungsreiches Programm mit Konzert, Wertungsspiel und Besichtigungen.
Bereits im Jahr 1996 traten wir das nächste Wertungsspiel in Leinfelden an und konnten die Note "sehr gut" erspielen. Die Teilnahme an Wertungsspielen hat für den MV Flügelrad einen hohen Stellenwert, die es ermöglicht, den Leistungsstand zu prüfen und neben den verschiedenen Konzerten einen zusätzlichen Anreiz zu setzen. Die letzten fünf Jahre standen ganz im Zeichen der Jugendausbildung, da es für den einzigen Musikverein in Stuttgart-Mitte keine leichte Angelegenheit ist, Kinder und Jugendliche für das Erlernen eines Instrumentes zu interessieren. So versuchte man durch verschiedene Aktionen in Schulen oder beim ersten Tag der Musik im Wartberggelände auf sich aufmerksam zu machen und neue, zukünftige Musiker zu gewinnen. Durch die Verlegung des Proberaumes der Stammkapelle in den Cannstatter Hallschlag versuchen wir, auch in diesem Umfeld Jugendliche und Kinder anzuwerben. Seit ein paar Jahren bilden wir auch Kinder an der Blockflöte und gleichzeitig in Musiktheorie aus. Die Kinder haben anschließend die Möglichkeit, ihre Ausbildung, wenn sie das richtige Alter erreicht haben, an einem Blasinstrument fortzusetzen.
Der Standort Prag spielt immer noch eine große Rolle für den MV Flügelrad, denn die Jugendausbildung findet, wie seit Jahrzehnten, in der Rosensteinschule statt. Darüber hinaus befinden sich auch die Materialräume im Herzen des ehemaligen "Eisenbahnerdörfles", in bereits erwähnter "Badeanstalt". Auch wenn in den letzten Jahren die Anzahl der fördernden Mitglieder auf der Prag, bedingt durch die sich ändernde Bevölkerungsstruktur in diesem Stadtteil, stark zurückgegangen ist, kann man mit gutem Gewissen sagen, dass im Nordbahnhofviertel immer noch viele der treuesten und aktivsten Mitglieder des Vereins beheimatet sind. Ohne diesen "harten Kern" wäre eine gute Vereinsarbeit beinahe undenkbar. Leider war es dem Verein nie möglich, auf der "Prag" eine Bleibe zu finden, welche die Utensilien und Bedürfnisse eines Musikvereins unter einem Dach zusammen halten könnte. So sind Noten, Instrumente, Uniformen und für Feste benötigte Materialien an vielen verschiedenen Orten untergebracht und das eigene Vereinsheim bleibt weiterhin ein Traum, dessen Verwirklichung in weiter Ferne steht.